Wir werden Prinzessinnen an der mecklenburgischen Kleinseenplatte

Voller Elan reiße ich die Vorhänge zur Seite und Strecke recke mich. „Guten Morgen Sonne, Guten Morgen Ausflugstag! Die vier Damen vom Kaffeekränzchen machen heute eine Fahrt ins Grüne.“ Tini, Susie und Sabrina haben sich extra frei genommen, um mich auf die Kaffeefahrt nach Mirow zu begleiten.

Es ist kurz nach acht. Ich eile zum Kaisers im Berliner Hauptbahnhof, um noch ein paar Piccolöchen und Snacks zu kaufen. Obwohl mein Magen heute irgendwie komisch ist, übe ich mein sonnigstes Gute-Laune-Strahlen. Das möchte ich Tini gerne zeigen, denn für unseren Ausflug musste sie noch eher aufstehen als an normalen Arbeitstagen. Tini hält nichts von früh aufstehen. Mit aneinander klappernden Flaschen im Jutebeutel renne ich zu Gleis 5 und lasse mich auf eine Bank plumpsen. Ich bin jetzt schon kaputt. Das gibt’s doch gar nicht! Gerade als ich mir mehr Gedanken darüber machen will, kommen schon die anderen Mädels, eine mehr als willkommene Ablenkung.

Der einfahrende Regionalexpress übertönt kaum unser vergnügtes Quieken. Als wir in den Zug in Richtung Rostock steigen, sichern wir uns direkt die ersten Sitzplätze um einen Tisch herum. Gegenüber döst ein junger Mann an seine Kontrabass-Tasche gelehnt. Mit viel Knistern und Klappern packen wir unseren Proviant auf den Tisch: Stullen, Smoothies, Kekse, Franzbrötchen; es scheint als hätten wir alle Zaubertaschen aus Hogwarts dabei. Letztlich sehen wir vermutlich wie Lehrerinnen aus, die Essen und Getränke für eine ganze Grundschulklasse dabei haben, nur dass wir ungenierter die Piccolo-Korken knallen lassen.

Ein Bus auf Schienen – Die Kleinseenbahn

In Neustrelitz steigen wir aus, um die restliche Strecke bis nach Mirow mit der Kleinseenbahn zurückzulegen. Von Gleis 4B fährt sie ab. Was sich so große-weite-Welt-artig anhört ist eher putzig: Abschnitt A und B sind beide gefühlt nur ein paar Schritte lang. „Guck’ mal, das sieht aus wie ein kleiner Bus auf Schienen!“ „Das ist bestimmt ein Schienenputzfahrzeug oder sowas ähnliches!“ Nein, es handelt sich tatsächlich um die Kleinseenbahn, die jetzt an Gleis 4B hält. Wir steigen ein und auch von innen wirkt die Bahn eher wie die M5 in Hamburg, ein dreigliedriger langer Bus.

Kurz nachdem wir Neustrelitz verlassen haben, kommt ein sehr alter Herr auf uns zu gewackelt. Er muss sich an jedem Sitz festhalten, um nicht umzukippen auf der wackeligen Bahnstrecke. Das löst leichte Koordinationsschwierigkeiten aus, denn der Mann hat kleine Karten und einen Stift in die Finger seiner rechten Hand geklemmt.

Gegen einen der gegenüberliegenden Sitze gelehnt stellt er sich zu uns. Wir verstehen kaum etwas von seinem zahnlosen Genuschel. Es reicht aber zu verstehen, dass wir eine Unterschrift zum Erhalt des Betriebes der Kleinseenbahn leisten sollen. Das machen wir sofort.

„Ich habe das früher mal genau so gemacht wie Sie jetzt“, erzähle ich dem Mann. Seine Augen glitzern. „Ja, wo kommen Sie denn her? Gibt’s da auch so eine Bahn?“ „Nee, das war für den Erhalt des Discobusses!“ Der Herr guckt verwirrt und geht mit den unterschriebenen Karten in der Hand zurück an seinen Platz. Außer uns ist nur ein weiterer junger Mann an Bord.

Ankommen in M (i) O (row)

Nach einer halben Stunde erreichen wir M o , so steht es zumindest an dem in die Jahre gekommenen Bahnhofsgebäude von Mirow. Die Zeit scheint hier still gestanden zu haben. Gleich hinter dem Bahnhof sieht es direkt ganz anders aus. Wir schlendern eine Kopfsteinpflasterstraße entlang an der wunderschöne alte Häusern stehen, teilweise im Villen-Stil. Viele der Häuser sind hübsch renoviert. In den Gärten sprießen die ersten bunten Knospen des nahenden Frühlings.

Wir biegen links auf die Hauptstrasse ab und erreichen nach fünf Minuten das Kaffeehus Kittendorf, in dem wir mit der Inhaberin Christine zu einem kleinen Backkurs verabredet sind. Ich finde alleine den Namen schon sympathisch, weil mich das Plattdeutsche an zu Hause (eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide) erinnert, wo ich tatsächlich selbst einst im Heide Café Schäferhof in Trachten bedient habe. Offiziell ist das Café um diese Zeit noch nicht geöffnet, aber die Tür ist schon offen. Schüchtern treten wir durch die Tür „Halloooo?“ Christine kommt aus der Küche und begrüßt uns herzlich.

Heute lernen wir, nicht zu backen

Wir setzen uns an einen großen Tisch vor der Kaffee-Theke auf dem ein Strauß bunter Tulpen steht und dürfen uns etwas aus der Getränkekarte aussuchen, in der es eine Vielzahl leckerer Säfte gibt. Ich entscheide mich für eine Sanddorn-Schorle, von der ich seit meiner ersten Reise nach Zingst großer Fan bin. Hier vorne bei der Theke stehen auf großen Holzbalken bunte Porzellankannen. „Ich fand sie so schön und habe die ersten hier im Café als Dekoration aufgestellt. Nach und nach brachten mir immer mehr Gäste Fundstücke aus ihren Familien mit.“

In der Stube des Cafés stehen liebevoll bunt zusammengewürfelt altmodische Sofas, Sessel und Stehlampen. Christine ist in Mirow aufgewachsen. „Ich habe als Dreijährige schon immer behauptet, dass ich ein eigenes Café besitzen werde, wenn ich mal groß bin. Für meine Ausbildung bin ich nach Süddeutschland gezogen. Ich habe viel gelernt, aber irgendwann ganz großes Heimweh bekommen. Ganz ehrlich, hier gibt es nicht viele Möglichkeiten, sich beruflich zu entfalten. Ich fasste dann einfach meinen ganzen Mut zusammen und eröffnete vor drei Jahren das Kaffeehus. Ich will nich lügen, es ist nicht immer einfach und auch die Lage an der großen Hauptstraße ist nicht die Beste. Aber deswegen sind wir kreativ und lassen uns immer neue Event-Abende und -Nachmittage einfallen.“ Gerade fährt ein großer Laster auf der Hauptstraße vorbei und verdunkelt für eine Sekunde das Café. „Seht ihr, was ich meine?“

Wir finden das erst gar nicht so schlimm. Außerdem hat Christine mit den Nachbarn des Cafés eine Vereinbarung getroffen, dass sie in den Sommermonaten die Terrasse hinter dem Haus mit nutzen darf. Dort können die Gäste in der Sonne brutzeln und die große Straße vergessen.

Ich blättere durch das aktuelle Programm vom Kaffeehus. Auch als Stammgast wird es hier nie langweilig. Es finden Stricknachmittage, Lesungen, Cocktail- und Filmabende statt, die das Café in eine Art Freizeitbegegnungsstätte mit Leckereien verwandeln. Eine der beliebtesten Leckereien, neben den heißen Waffeln, ist der Kalte Hund. Und genau den wird Christine heute gemeinsam mit uns zubereiten.

Wir gehen in die kleine Küche hinter der Kaffee-Theke. Christine hängt jeder von uns eine bunte Schürze über. Mit perfektionierter Routine mischt sie die Zutaten zusammen. „Ich bin sehr mit meiner Heimat verbunden. Ich liebe die Landschaft und die Traditionen. Meine Oma hat mir immer viele Geschichten erzählt und mir auch Kochen und Backen beigebracht. Diese Tradition und die damit verbundene Herzlichkeit möchte ich gerne im Kaffeehus weitergeben.“ 

Christine jongliert die Zutaten mit einer wahnsinnigen Leichtigkeit. „Irgendwann brauchst du nicht mehr auf Rezepte achten, dann hast du den Dreh raus und dann ist backen einfach nur noch Entspannung.“ Dem Kuchentresen nach zu urteilen, entspannt sich Christine ziemlich ausgiebig.

Da der Kalte Hund noch einige Stunden in den Kühlschrank muss, lassen wir Christine in Ruhe im Kittendorf weiter werkeln und begeben uns auf Erkundungstour durch Mirow. Wir gehen die Hauptstraße entlang, an der wirklich alle paar Sekunden ein riesiger LKW an uns vorbei donnert.

Die Schlossinsel in Mirow

Wir laufen weiter zur Schlossinsel Mirow. Das Schloss an sich wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Witwensitz für die Herzogin Christine Aemilie Anthonie von Mecklenburg-Strelitz errichtet. Das möchten wir uns später ansehen, denn gerade scheint noch die Sonne und wir schlendern lieber ein bisschen durch den Park auf der Insel. Uns zieht es natürlich zuerst ans Wasser. Hier am Ufer des Mirower Sees setzen wir uns auf den Holzsteg und lassen unsere Blicke über das Wasser wandern. „Ich nehme das kleine Rote!“ „Dann nehme ich das Braune mit dem schwarzen Dach. Dort, wo das Boot dran schaukelt.“ Die kleinen Bootshäuser, die das Ufers des Sees säumen sind mittlerweile größtenteils zu kleinen Ferienhäuschen umgebaut worden; eines hübscher als das andere.

Als wir weiter schlendern sehen wir einen blühenden Strauch Palmkätzchen und ein Blumenbeet in dem bereits Stiefmütterchen gepflanzt wurden. Der Frühling naht mit großen Schritten. Wir atmen die frische Luft tief ein. Die Bäume sind noch recht kahl, so dass wir die vielen Vogelnester durch die Äste sehen können. Die Krähen kreisen über den Wipfeln. In diesem Moment ist das fast ein bisschen unheimlich, denn vor uns steht die alte Johanniterkirche, zu der auch die Familiengruft des Strelitzer Herzogenhauses gehört.

Als die Kirchenuhr halb eins schlägt, flattern die Krähen kreischend umher. Wir gehen auf den Glockenschlag hin wieder in Richtung Wasser zurück, zur Alten Schlossbrauerei. Die Kieselsteine unter unseren Füßen knirschen. „Das passt zu meinem Magen, der grummelt auch schon wieder, obwohl wir im Zug so viel gefuttert haben“, höre ich Susie sagen. Ich wünschte, das täte meiner auch, aber meiner grummelt, weil irgendwas nicht richtig läuft heute. „Da gibt’s bestimmt gleicht so richtig leckeres Essen wie bei Mutti zu Hause.“ 

Von Johanniter-Rittern und Kellermönchen

Wir betreten die ehemaligen Hallen der Brauerei. Als wir eine kleine Treppe hinunter gehen sehen wir, dass es alte Gewölbe sind. Die ursprüngliche Brauerei ist mittlerweile umgezogen und heute dient das Gebäude als Hotel. Der See glitzert durch die großen Scheiben auf eine Terrasse direkt am Wasser. Dort suchen wir uns den schönsten Platz aus. Der Blick in die Speisekarte lässt uns vorfreudig grinsen.

Wir bestellen Bauernfrühstück, Matjes Hausfrauenart und Susie bekommt wie bei Muttern Klöße mit Rotkraut und brauner Soße. Das Essen schmeckt fantastisch. Ich liebe Matjes, aber mein Magen macht mir heute wirklich einen Strich durch die Rechnung. Während wir schmatzen (gut, ich schiebe meinen leckeren Matjes eher vom linken zum rechten Tellerrand und anders herum), tritt der Hausherr Rainer zu uns an den Tisch. Er erzählt uns spannende Geschichten über die Brauerei und Mirow. Es gibt offenbar sehr viele Damen, die hier mehr oder weniger zufällig durch kamen und als Königinnen und Prinzessinnen wieder gingen oder eben blieben. Wir Mädels üben schon die hochherrschaftliche Winkepose und fragen, wo wir die potentiellen Prinzen denn finden könnten.

Bis eben winkte Rainer noch immer ab. „Ich will euch auch nicht mit meinen Geschichten nerven!“, um dann zur nächsten Anekdote anzusetzen. Nun lacht er und ahnt, dass wir wirklich noch mehr wissen wollen. Nach dem Essen führt er uns herum.

Neben der Terrasse gibt es einen kleinen mit Bäumen und Gras zugewucherten Hügel. Auf diesem liegen alte Schienen. Es scheint als hätte man dort Steine oder Holz transportiert. „Nein, Eis!“, erklärt Rainer mit fuchtelnden Händen, „damals im 13. Jahrhundert haben die Johanniter-Ritter riesige Eisblöcke aus dem See heraus geschlagen, sie den Hügel hinauf transportiert und dann in den Gewölbekeller zum Lagern runtergeworfen. Kommt mal mit!“

Rainer öffnet die dicke Holztür zum ehemaligen Eiskeller. Drei Gewölbe gibt es hier. Die Gänge sind mit allerlei Fundsachen verziert; alte Urkunden und Werkzeuge, Bilder und Puppen mit altertümlicher Kleidung. Zwei Gewölbe dienen mittlerweile als Veranstaltungsort und man kann sie mieten. Hier finden aber auch die bunten Abende statt, die Rainer besonders Spaß machen. Während eines vier Gänge Menüs erzählt ein Kellermönch Geschichten und Mythen rund um die Schlossinsel. Rainer zeigt uns einen kleinen Film und wir erkennen sofort den netten jungen Mann wieder, der unser Mittagessen an den Tisch gebracht hat. „Alle machen mit, das ist hier sowieso das Tollste! Wir brauchen keine Schauspieler. Die Azubis, die Köche, die Zimmerdamen – alle freuen sich auf diese Abende und machen beim Spektakel mit.“ Kein Wunder, Rainers Euphorie ist auch wahnsinnig ansteckend.

Auch wenn Rainer uns schon eine ganze Menge über die Schlossinsel und Mirow erzählt hat, gehen wir weiter zum Schlossmuseum. Nun, ich schleppe mich eher dahin. Schweißausbrüche gesellen sich mittlerweile zu meinen Magenkrämpfen. ich kämpfe mich in den ersten Stock des Museums und bin überrascht. So eine moderne Ausstellung hätte ich hier gar nicht erwartet. In jedem Raum wartet ein neues interaktives Highlight. Im Ahnensaal steht eine Bank, genau das Richtige jetzt für mich. An der Wand hängen unterschiedliche Rahmen mit Personen, die hier einst gelebt haben. Ich nehme eine Art Metallzauberstab in die Hand und leuchte einzelne Personen an. Wenn ich dann auf den Knopf am Stab drücke, erzählt eine ruhige Männerstimme mir, wer diese Person war. Aus dem Nebenraum höre ich plötzlich wildes Gekicher. Die Anderen vergnügen sich gerade an den kopflosen Figuren und posieren für Fotos.

Lachen scheint gerade alles andere als gesund zu sein. Ich muss an die frische Luft. In meinem Kopf dreht sich alles. Auf dem Rückweg zum Kaffeehus Kittendorf taumle ich hinter den anderen her. Mitten an der Kreuzung muss ich kurz innehalten und die paar Bissen Matjes in einen Mülleimer verabschieden. „Dieser Ausflug ist zum Kotzen!“ fluche ich innerlich und muss auch ein bisschen kichern, denn die Situation ist zu absurd.

Bei Christine bekomme ich keinen Bissen vom legendären Kalten Hund hinunter. Mittlerweile bestätigen auch die anderen Mädels, dass meine Gesichtsfarbe kaum mehr vorhanden ist.

Wir beschließen schweren Herzens, den nächsten Zug nach Hause zu nehmen. In der Kleinseenbahn kommt der alte Herr wieder zu uns geschlurft. „Guten Tag, ich sammle…“ „Ja, wir wissen, die Unterschriften zum Erhalt der Kleinseenbahn.“ „Wiiieee bitte?“ Oh prima, Ohren und Hirn lassen ihn nicht verstehen, dass wir bereits unseren Dienst geleistet haben. Plötzlich versteht er. „Ach, die Damen von heute morgen. Stimmt, stimmt.“ Gerade wollen wir ihm vorschlagen, noch mal als Uschi Oberbayer und vielleicht Babsi Berger zu unterschreiben, da watschelt er schon wieder von Dannen.

Die zwei Stunden Heimreise kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich versuche zu schlafen und mich  nicht zu ärgern, dass diese kleine Landpartie nicht mit unser aller Traumprinzen-Hochzeit endet.

Das schaffe ich tatsächlich, denn ganz ehrlich: die mecklenburgische Kleinseenplatte ist gleich um die Ecke und der Sommer fängt erst an. Also lasse ich mich von der Regionalbahn in den Schlaf schaukeln und träume von einem sommerlichen Besuch in Mirow, inklusive riesengroßem Eisbecher und Kanu fahren.

Informationen für deine Reise nach Mirow

2017-06-02T21:50:14+00:00

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