Schon immer konnte ich besser mit Buchstaben als mit Zahlen umgehen, daher kann ich noch immer nicht begreifen, wie sich bald eine Vier an den Anfang meines Alters schieben kann. Probleme habe ich damit ganz und gar nicht. Ich nutze den Anlass lieber darüber nachzudenken, was ich mir schönes zum 40. Geburtstag gönnen könnte.

So kramte ich in meinen Reiseerinnerungen und überlegte, welches meine Wohlfühl-Orte sind. Ich musste nicht lange suchen: Texas

Texas Hommage Pinterest

Und plötzlich ist es da wieder, dieses ungläubige Zurückzucken der Menschen. Ganz undiplomatische legen gar die Stirn in Zweifelfalten: in ihren Augen Unverständnis, wenn nicht gar bittere Abneigung. Seit Jahren muss ich mich allzu oft dafür rechtfertigen, ein USA-Fan zu sein, aber wenn ich dann sage, dass Texas mich besonders beeindruckt hat, schaue ich oft in verständnislose Gesichter. 

Meine Liebe zu Texas

Ich muss zugeben: auch für mich war Texas ein Bundesstaat, über den ich gemischte Gefühle hegte, gilt er doch als sehr konservativ und traditionell. Dabei ist es unfair, komplett Texas über einen Kamm zu scheren, denn es ist der zweitgrößte Bundesstaat der USA. Es ist größer als jedes westeuropäische Land. Wenn Texas ein eigenständiges Land wäre, so stünde es an Platz 39 der Weltrangliste – Deutschland liegt auf Platz 62.

Barn Texas Lone Star

Auch wenn es Shooting Ranches und konservative Republikaner gibt, gibt es dennoch eine Menge liebenswürdiger Dinge in Texas:

Die Menschen

Ich lernte Texas während eines Roadtrips von New Orleans nach Austin kennen. Kurz hinter der Grenze, hielten wir an einer Raststätte. Meine Freundin und ich quatschten, während wir uns umsahen und Kaffee zapften. Plötzlich sprach uns ein Herr auf gebrochenem Deutsch an. Er war als Soldat vor vielen Jahren in Deutschland stationiert gewesen und freute sich sehr, uns zu treffen. Wir unterhielten uns ein paar Minuten über alte Zeiten und das Oktoberfest, bevor wir uns verabschiedeten. An der Kasse trafen wir ihn wieder. Die Kassiererin fragte gerade: „Wäre das alles?” Und er antwortete: „Ja, dies und den Kaffee von den Ladies, bitte.” Wir waren überrascht von dieser spontanen Geste, auf die der Mann wirklich keine Gegenleistung erwartete. 

Das gleiche Schauspiel hatte ich auf einer weiteren Reise bei McDonalds. Hier wollte ich nur einen Kaffee trinken und mit dem Wifi und meinem Computer die Zeit totschlagen, bis ich in meinem Hotel einchecken konnte. Ich starrte auf die Menükarte über der Theke und der Mann neben mir, der offenbar gerade eine Pause mit seinen Kollegen vom Bau einlegte, fragte: „Und was möchtest du?” „Ich weiß es noch gar nicht”, antwortete ich. „Dann entscheide dich bald, wir müssen wieder auf Schicht.” Ich sah ihn fragend an, worauf er zwinkernd antwortete: „Tun wir einfach so, als sei heute dein Geburtstag.“ Ich bestellte, er zahlte und wir gingen sogleich wieder getrennte Wege. 

Während einer nächsten Reise übernachtete ich bei einer Bekannten, die ich auf einer beruflichen Reise in Finnland kennengelernt habe. Fast zwei Wochen blieb ich bei ihrer Familie. Sie luden mich zum Willie Nelson Konzert ein, organisierten Ausflüge und ließen mich alleine im Haus wohnen, als die komplette Familie zu einer China-Reise aufbrach. 

Und als ich mit dem Zug von Los Angeles nach El Paso fuhr, lernte ich Zugbegleiter Bodi kennen. Noch heute muss ich an sein tiefes, warmes und ehrliches Lachen denken. Das Schicksal scheint uns nach der Zugfahrt wieder zusammengeführt zu haben. Denn wir trafen uns zufällig wieder und als ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, ihn ein weiteres Mal zu sehen, überraschte er mich mit einer Fürsorge und Großzügigkeit, wie ich sie wohl von einem Vater kennen würde, wäre er nicht schon früh gestorben.

Unser unvergessliches Zusammentreffen habe ich in einer Geschichte zusammengefasst, die du HIER nachlesen oder aber HIER ALS PDF für deinen Reader herunterladen kannst. 

Bodi Evelyn Amtrak Texas USA

Auf diese wundervollen Begegnungen folgten noch viele weitere wie zum Beispiel Carlos, ein Künstler und Fotograf, der spontan seinen Tag umplante, um mir die Gegend zu zeigen oder Buba und Paul, zwei Cowboys von einer Ranch auf der wir übernachteten. Sie nahmen uns abends kurzer Hand mit in einen Saloon, wo sie uns geduldig Two Step und Line Dance beibrachten. 

Mich wundert es gar nicht, dass der Name Texas von einem alten Wort der Hasinai Indianer abstammt welches Freunde bedeutet. Und gerade als Deutscher brauchst du dich in Texas nicht fremd fühlen, denn 9,6% der Einwohner sind deutscher Abstammung und bilden damit die größte Gruppe nach den Mexikanischstämmigen.

Wurstfest New Braunfels Texas USA

Austin, Kultur und Kreativität

„Keep Austin weird” lautet das Motto der Hauptstadt von Texas, die anders sein möchte und anders ist – auf eine wundervolle Art. Schon bei unserer ersten Reise nach Austin, als bei uns zu Hause Nachhaltigkeit noch kein großes Thema war, hatte fast jeder Laden in meinem Lieblingsviertel SoCo eine Second Hand Ecke. Anders als sonst in den US-Großstädten bestimmten keine Fast Food Ketten das Stadtbild, sondern Food Trucks.

Hier gab es kein Essen in Styropor- oder Plastikschalen, sondern für jedes Gericht wurde bis ins Detail erklärt, ob es in einer Bambusschale, recyceltem Papier oder auf einem Palmenblatt serviert wird, inklusive der Angabe, wie lange das Material benötigt, um wieder zu Staub zu werden. Die Zutaten für die Speisen sind stets von lokalen Produzenten und auch in den Modegeschäften und Schmuckläden wird wert auf lokale Herstellung gelegt. 

Food Trucks Austin Texas USA

Austin ist eine liberale Blase im sonst eher konservativen Texas: schon lange vor der LGBT Bewegung gab es in Austin zahlreiche Bars für Homosexuelle. Die Stadt  rühmte sich mit dem Ruf, die homosexuellste Stadt der USA zu sein. Mit Hippie Hollow am Travis See hat sie zudem den einzigen FKK Strand der ganzen Staaten. 

Die Menschen in Austin lieben ihre Stadt mit den vielen Food Trucks, dem großen Zilker Park mit seinem natürlichen Barton Springs Pool, den unzähligen Restaurants und Bars. Es gibt viele Brauereien und immer dabei: Live Musik. Letztere beschert Austin den Spitznamen Live Music Capital of the World. Wer Live Musik liebt, wird jeden Abend die Möglichkeit haben, ein Konzert zu besuchen oder in einer Bar einer Band oder einem Singer Songwriter zu lauschen. 

Barton Springs Pool Austin Texas USA

Austin ist einfach herrlich anders und das wohl Texas typischste was ich in Austin gesehen habe, waren die vermeintlichen Fahrradständer vor der Bar, die tatsächlich zum Anbinden von Pferden dienten.

Eine andere Stadt, von der ich nichts erwartet hatte und die mich begeistert hat, war Fort Worth. Neben den Stockyards, dem historischen Stadtteil, durch den täglich eine Herde Longhorn-Rinder getrieben wird und wo am Wochenende Rodeos stattfinden, gibt es eine Vielzahl fantastischer Museen. Und das sage ich, die eigentlich lieber draußen in der Natur unterwegs ist. 

Stockyards Fort Worth Texas USA

Meine neu entflammte Liebe für Country und den Wilden Westen konnte ich in Fort Worth ebenfalls ausleben. Mein Cowgirl-Herz pochte auf Hochtouren, als ich erfuhr, dass es in Fort Worth ein National Cowgirl Museum and Hall of Fame gibt. Stundenlang schlenderte ich durch die Ausstellung und las von waghalsigen Powerfrauen, die mit Buffalo Bill auf Wildwest Show sogar bis nach Europa kamen. 

Als ich mir anschließend das Programm vom Modern Art Museum ansah, konnte ich mein Glück kaum fassen: gerade während meines Besuchs fand eine Ausstellung einer meiner Lieblingskünstler statt. Kaws hatte einige seiner exorbitant großen, an Disney erinnernden Skulpturen hier aufgestellt. Für die hölzernen Mäuse musste sogar der Boden verstärkt werden, damit er nicht unter den Massen zusammenbricht.

Kaws Modern Art Museum Fort Worth Texas USA

Kaws Modern Art Museum Fort Worth Texas USA

Der Wilde Westen

Abseits der großen Highways liegt Texas Hill Country. Sanfte Hügel wechseln sich mit Buschlandschaft und trockenen Sandböden ab. Auf großen Feldern grasen Longhorn-Rinder. Hochherrschaftliche Farmhäuser, teilweise mit großen weißen Säulen vor dem Eingang, schimmern durch die Büsche. Im Herzen von Hill Country liegt die Kleinstadt Bandera, in der ich meine ersten Wild West Erfahrungen sammeln durfte. Bandera ist eine typisch amerikanische Kleinstadt, deren Hauptstraße von Saloons, Geschäften und Lebensmittelläden gesäumt ist. 

Im Umland von Bandera befinden sich mehrere Dude Ranches. So heißen die Farmen, die für Reisende offen stehen; Urlaub auf dem Bauernhof quasi. Bereits zwei Mal habe ich mir eine Auszeit auf der Farm gegönnt. Morgens ging es auf Pferden die nebeligen Felder entlang, die Hügel rauf und runter. Rehe sprangen zwischen den Büschen entlang, Bäche plätscherten in der Ferne.

Das Frühstück wurde auf einem Grill zwischen schattigen Bäumen zubereitet. Tagsüber saß ich oft im Schaukelstuhl auf der großen Veranda und habe in meinem Buch geschmökert oder habe mir von einem Cowboy Lasso werfen beibringen lassen. Am Nachmittag brachen wir meist zu einem weiteren Ausritt auf oder fuhren, auf Heuballen auf der Ladefläche des Trucks sitzend, die Longhorn-Rinder füttern. Nach dem Abendessen wurde an lauen Sommerabenden das Lagerfeuer angezündet und der Wein geöffnet. An kühlen Tagen ging es in die muckelige die Hausbar, wo die Jukebox angeschmissen wurde oder einer der Cowboys seine Countrymusik-Künste zum Besten gab. Abends fiel ich immer glückselig in meiner kleinen Holzhütte in den Schlaf. 

Texas USA Horseback Riding

Longhorn Texas USA

Zu Anfang dachte ich, dass mir mit den properen Cowboys auf der Ranch der Wilde Westen vorgegaukelt wird, aber auf meinen Ausflügen in die Shops und Cafés nach Bandera oder in einen Saloon abends zum Tanzen, wurde mir bewusst, dass die gebügelten Jeans, die Karohemden, die Boots und die Hüte hier Alltagskleidung sind. Es gibt ihn also noch, den echten Wilden Westen. 

Texas hat mir gezeigt, dass es Orte gibt, von denen du eine bestimmte Vorstellung hast, und von denen du am Ende abreist und ein völlig anderes Bild hast. 

Meine Travel Texas Reiseroute im Dezember

Als hätte der Geburtstags-Gott meine Wünsche erhört, erreichte mich kürzlich eine Email von TRAVEL TEXAS mit der Frage, ob ich Lust auf eine Reise in den Westen des Bundesstaates hätte. Ich bin schier durchgedreht vor Freude darüber, dass ich in wenigen Tagen wieder nach Texas zurückkehren darf. Auf meinen bisherigen Reisen habe ich es, bis auf einen kurzen Zwischenstopp, nicht in den Westen von Texas geschafft. Umso mehr freue ich mich, das eben diese Region für die erste Woche auf dem Programm steht.

Texasreise Dezember 2019

El Paso 

Während meiner Zugreise durch 38 Bundesstaaten der USA plante ich einen kurzen Halt in El Paso ein; allerdings hauptsächlich, um von hier aus einen Abstecher nach Mexiko zu machen, denn die Stadt besteht aus zwei Teilen: El Paso auf der amerikanischen und Juárez auf der mexikanischen Seite. Nachdem ich mich morgens zunächst alleine über die Grenze begeben hatte, kehrte ich nach ein paar Begegnungen mit zwielichtigen Gestalten schnell wieder nach El Paso zurück. 

Juárez wird nämlich die Stadt der Frauenmorde genannt. Seit Anfang der 90er-Jahre hält eine andauernde Mordserie die Stadt in Atem. Die Frauen werden entführt, gefoltert und zumeist nach einigen Tagen bis einigen Wochen gefesselt auf Brachflächen außerhalb der Stadt abgelegt. Kaum ein Mord wurde bisher aufgeklärt. Mein Abenteuerdrang war dann doch nicht so groß, dass ich dort alleine durch die Gassen schlendern muss. 

Zurück in El Paso spazierte ich durch das Stadtviertel Segundo Barrio. Hinter den vergitterten Fenster des Jalisco Cafè traf ich den Fotografen und Künstler Carlos. Er wuchs in Juárez auf, lebt aber seit Jahrzehnten in El Paso und arbeitete gerade an einem Fotoprojekt über die Entwicklung des Stadtviertels. Er stellte mir Hector, den Besitzer des Restaurants vor, der mir sogleich viel über die Geschichte der Stadt und ihre enge Verbindung nach Mexiko erzählte.

Ich war begeistert und mein Tag endete schließlich damit, dass ich mit Carlos nochmal über den Rio Grando nach Juárez ging, einen Lucha Libre Masken-Schneider kennenlernte, durch enge Gassen und über Voodoo Märkte schlenderte. Unser Ausflug nach Mexiko endete mit einem Weltuntergangs-Unwetter, das die ganze Stadt überschwemmte. Für mich waren es aufregende Tage, aber jetzt freue ich mich darauf, mehr Zeit zu haben, um die spannende Grenzstadt selbst zu besichtigen – und Carlos wieder zu sehen. 

Big Bend National Park 

Ganz im Südwesten von Texas liegt der Big Bend National Park. Es ist einer der größten Nationalparks der USA. Auf meiner Zugreise bin ich an ihm vorbeigerauscht und hatte leider nicht die Möglichkeit ihn zu erkenden. Auch der Park liegt direkt an der Grenze zu Mexiko. Ein Viertel des 1.500 Kilometer langen Flussabschnitts des Rio Grande, der als natürliche Grenze zwischen den USA und Mexiko dient, liegt im Nationalpark. 

Flüsse haben im Big Bend Nationalpark riesige Schluchten in uralten Kalksteinfelsen hinterlassen. Die schattigen Schluchten wechseln sich mit dem Bild von wettergegerbten Wüsten ab, in den Kakteen in allen erdenklichen Formen wachsen. 

Besonders spannend finde ich, dass der Big Bend Nationalpark 2012 als internationaler Dark Sky Park anerkannt wurde. Seither nennt er auch Big Bend International Dark Sky Park und ist somit ein Lichtschutzgebiet, das schon vor sehr geringfügiger Lichtverschmutzung geschützt wird. In klaren Nächten lässt sich so mit bloßem Auge die Milchstraße und Sternenstaub erkennen. 

Big Bend National Park Texas USA

Marfa

Marfa übt auf mich eine noch größere Faszination aus als Austin. Vielleicht auch nur, weil ich bisher noch nicht dort war, es mir aber schon so lange wünsche. Marfa ist mehr als nur ein Ort. Die Menschen bezeichnen ihr Marfa als eine Art Geisteszustand. Seit den 70er Jahren entwickelte sich Marfa zu einer Künstlerstadt, in der sich sowohl Hippies als auch Hipster durch ihre Kunst verwirklichen. 

Auf dem Highway vor der Stadt steht der berühmte Prada-Laden in der Wüste (der nicht wirklich ein Laden, sondern ein konsumkritisches Kunstobjekt ist). In Marfa selbst schlafen Besucher in glänzen Airstreams, Tipis oder kunstvoll eingerichteten Hotels. Das Leben scheint sich in Marfa etwas zu verlangsamen. Die Menschen schätzen die einfachen Dinge, lassen sich Zeit für ihre Kunst, Meditation oder gutes Essen. 

Marfa steht schon lange auf meiner Bucket List. Ich bin so gespannt, wie sich die Stadt anfühlt.

Prada Marfa Texas USA

Deine Tipps für meine Reise

Die zweite Woche meiner Reise nach Texas ist noch gar nicht geplant, wenn du also Vorschläge hast, freue ich mich über einen Kommentar oder eine NACHRICHT.

Und von mir noch ein kleiner Tipp: ganz viele Informationen rund um Texas (und vielleicht auch noch den einen oder anderen Tipp von mir) findet ihr auf der TEXAS SEITE BEI TRAVELBOOK.

Evelyn Cowgirl Texas USA

Offenlegung: Der erste Teil der Reise wird in Zusammenarbeit mit Travel Texas. Meine Meinung über das Erlebte wird davon unbeeinflusst bleiben.