Die Freiheit nehme ich mir!

Was für komische Geräusche der Kühlschrank manchmal macht. Es ist irgendwas zwischen ächzen und quietschen. Ich liebe es, denn es ist der Kühlschrank in meiner neuen Wohnung; meiner eigenen Wohnung. In meinem Zuhause.

Hinter mir liegen aufregende anderthalb Jahre. Nach 15 Jahren Festanstellung hatte ich mich selbständig gemacht. Reisen und drüber schreiben wollte ich. Nachdem ich durch Asien und Europa gereist war, fuhr ich letztlich mehr als drei Monate lang mit dem Zug kreuz und quer durch die USA und sammelte Geschichten.

Ich erinnere mich noch genau, wie gleichmäßig der Zug über die Schienen ratterte. Ich war schon einige Wochen unterwegs und das Tuten an den Bahnübergängen hatte inzwischen etwas heimeliges. Ich sah aus dem Fenster. Es schien die letzten Tage viel geregnet zu haben in North Dakota. Die Felder standen unter Wasser. In dem regnerischen Zwielicht konnte ich sie kaum vom Horizont unterscheiden. Es wurde dunkel und ich legte mich schlafen. 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, blieb mein Herz fast stehen, so wunderschön war der Ausblick aus meinem Zugfenster. Wir hatten Montana erreicht und fuhren durch die Berge des Glacier National Parks. Gerade ging die Sonne auf und schien auf die schneebedeckten Gipfel. Nebel zog sich durch die herbstlich gefärbten Wälder. Mir kullerten Tränen das Gesicht hinunter. Ich weinte vor Dankbarkeit, dass ich dies alles erleben darf; und auch ein bisschen darüber, dass ich so dankbar sein kann.

Montana View

Mein Trost: zumindest der Zug kommt irgendwo an

Ich weiß, wie dankbar ich auch über die Tatsache war, dass ich eines Tages am Endbahnhof ankomme. Es tröstete mich, denn ich würde zumindest physisch ankommen. Was mein Gefühlsleben betraf: das fuhr statt Zug eher Achterbahn. Ich hatte das Gefühl, zwei Leben zu führen. „Ich beneide dich!“, hörte ich oft. „Traumjob“, ständig. Und „Du hast immer so viel Glück“, oder „Dein Leben sieht immer so schön aus.“ Das stimmt auch, mein Leben ist schön. Ich hatte den Mut, meine Komfortzone zu verlassen, um ein Abenteuer zu beginnen. Manchmal denke ich mir, dass sich so ein Drogenrausch anfühlen muss, weil ich die Eindrücke auf meinen Reisen so intensiv wahrnehme.

Da sind aber nicht nur die schönen Orte und Begegnungen, das ist auch die Absurdität, damit zurecht zu kommen, wenn die Menschen von meinem Leben schwärmen, ich aber gerade 6 Kilometer mit einem 25 Kilo Rucksack bergauf und bergab durch San Francisco gelaufen bin, weil ich zu feige zum Bahngeld schnorren war. Ich muss damit zurecht kommen, dass die Menschen sagen „So ein Leben hätte ich auch gerne“, wenn ich mich hinter den Kulissen gerade schluchzend auf dem Hotelbett zu einem Knäuel zusammen rolle, weil ich so dankbar über den kostenlosen Kaffee und das warme Wasser in der Lobby bin, da ich so mit meinen Oatmeal-Resten noch über die nächsten zwei Tage komme. Ich muss damit klar kommen, dass ich während dieser Reise vier Menschen verloren habe, die ich nie wieder sehen werde. Ich muss damit klar kommen, dass mir das Schreiben, so wie es gerade passieren sollte, nicht gefiel.

Ich musste mir überlegen, wie es weitergehen soll, während ich tagtäglich mit den wunderbarsten, schlimmsten, lustigsten und tragischsten Geschichten konfrontiert wurde. Ich hoffte einfach weiterhin, dass der Zug mich ans Ziel bringt.

Ankommen, sortieren – weitermachen!

Als ich nach meiner Reise zu Hause ankam, war ich am Boden zerstört. Ich hatte meine ganze Kraft aufgebraucht und traute mir selbst nicht mehr zu, die richtige Entscheidung zu treffen. Ich halte nichts davon, meine Artikel so zu gestalten, dass möglichst viele Affiliate Links darin Platz finden. Ich möchte mir nicht mit Werbeartikeln Geld in die Kasse schreiben. Ich möchte nicht auf Teufel komm raus User-freundlich sein. Ich möchte die Geschichten erzählen, wie sie passiert sind; in ihrer ganzen wundervollen Länge, mit jedem noch so kleinen Detail.

Und: ich möchte nicht nur reisen, sondern auch ankommen. Ich bin kein digitaler Nomade. Ich brauche meine Freunde und meine Familie um mich herum. Ich brauche einen Ort, den ich Zuhause nennen kann.

Ausschlaggebend für die Tatsache, dass ich mich nun über das Quietschen meines Kühlschranks freue, war ein Gespräch mit einem Freund, der mich aufmuntern wollte. Er ließ mich von Amerika erzählen. Ich überhäufte ihn mit meinen Geschichten von dem herzensguten Zugangestellten, der sich aufopferungsvoll um mich gekümmert hat; von dem Künstler, der mir Juarez zeigte, als plötzlich ein Unwetter losbrach und die ganze Stadt überflutete; von meinem Thanksgiving bei den Amischen. Als ich fertig war grinste er zufrieden. Er mochte jede Geschichte und fragte mich: „Habe ich dich ein einziges Mal unterbrochen und wollte wissen, in welchem Hotel du warst? In welchem Café oder welche Sehenswürdigkeiten du alle abhaken konntest? Nein! Ich will deine Geschichten hören und bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin.“

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte vermutlich recht. Während ich redete wie ein Wasserfall, blühte ich auf. Die Leidenschaft entflammte wieder, Euphorie überkam mich, obwohl ich Minuten zuvor noch ein Trauerkloß war. Ich fasste den Entschluss, und wieder den Mut, es so zu machen, wie ich es möchte und auf mein Herz zu hören.

Dass das nicht sofort die Butter auf mein Brot bringt, war mir durchaus bewusst. Also entschloss ich mich, wieder als Freiberuflerin in meinen alten Beruf zu arbeiten. Nun mache ich PR für Künstler, arbeite als Location Scout und organisiere ein TV Serien Festival mit. Ich kann die Projekte so legen, dass noch genug Zeit zum Reisen bleibt. Reisen, auf denen ich die unglaublichsten Geschichten erlebe, die ich hier User-unfreundlich und ohne Affiliate-Links in Kurzgeschichten wiedergebe. Ich habe mir eine eigene Wohnung gesucht und habe nun nicht mehr das Gefühl, überall nur Gast zu sein.

Vielleicht waren die anderthalb Jahre eine Lehre für’s Freiberufler-Leben? Lass’ es ruhig so sein, ich scheine bestanden zu haben. Darauf ein Spezi aus meinem Kühlschrank!

2017-07-03T11:55:56+00:00

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