Besançon: das Kultur Bonbon der Franche-Comté

Auf dem Gymnasium hatte ich als zweite Fremdsprache die Wahl zwischen Latein und französisch. Ich dachte, falls ich später Arzt oder Anwalt werden würde (ich lache heute noch) oder besser: etwas kulturelles studieren möchte, hätte ich das Deklinieren und Konjugieren schon hinter mir. Zudem fühlte ich mich nie besonders zur französischen Sprache oder gar Frankreich hingezogen. Das ist auch der Grund, warum ich erst 37 Jahre alt werden musste, um zum allerersten Mal nach Frankreich zu fahren.

Zaghaft wage ich mich nun über die Grenze und klatsche schon beim ersten schnuckeligen Örtchen vor Begeisterung Beifall. Mit dem Auto schlängeln wir uns gemächlich durch die kleinen Gassen, die von alten Fachwerkhäusern in den buntesten Farben gesäumt sind. Vor den Fenstern und in den Gärten blühen bunte Blumen. Durch die offenen Fenster weht der Sommer in unser Auto hinein.

Unser Ziel ist Besançon, die ehemalige Hauptstadt der Franche-Comté, deren Altstadt direkt an der Flussschleife des Duobs liegt. Wir überqueren den Fluss und finden uns in den putzigen und wahnsinnig engen Gassen der Altstadt wieder. Es ist ein einziges Wirrwarr aus Einbahnstraßen und es kostet und ein paar Mal extra abbiegen, bis wir unser Hotel finden.

Zitadelle Besancon


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Ein Picknick im Mondschein

Es ist schon später Nachmittag als wir im Hotel de Paris einchecken, weswegen wir unser Gepäck nur schnell ins Zimmer werfen und uns sofort auf Erkundungstour begeben. Wir schlendern durch die kleinen Gassen, schauen in das eine oder andere Geschäft und essen in einem Straßencafé zu Abend. Unseren Nachtisch, einen Käseteller natürlich – typisch Frankreich!, lassen wir uns einpacken, denn wir haben eine Idee.

Besancon Gassen

Als wir vorhin an der Universität vorbei gelaufen sind, saßen ganz viele Leute am Flussufer. Dort wollen wir auch hin. In einer Bar namens Tandem besorgen wir uns Wein und setzen uns auf den Asphalt am Wasser. Die Lichter der Häuser spiegeln sich auf dem Doubs. Was für ein perfekter Sommerabend es ist.

Besancon Doubs bei Nacht

Das Herzstück der Stadt: die Zitadelle

Nach einem Frühstück im Innenhof des Hotels, in dem die alten Backsteinwände mit Grünpflanzen berankt sind, fahren wir zur Zitadelle.

Die Zitadelle von Becançon ist weit mehr als ein Fort. Es beherbergt diverse Museen. Darunter auch Naturkunde-Museen und einen Zoo, was erklärt, warum ich eben Affen auf der Mauer neben dem Eingangstor gesehen habe. Ich dachte, ich halluziniere.

Besancon Zitadelle

Von den mächtigen Wehrmauern der Zitadelle aus, die auf einem Berg steht und somit ungefähr 100 Meter über der Stadt wacht, haben wir einen fantastischen Ausblick auf die Stadt und die Flussschleife des Doubs. Der Fluss entspringt in einem Gebiert, welches kleines Sibirien genannt wird. Während wie hier im T-Shirt die Sonne genießen waren es dort gestern -45°C, obwohl die Quelle nur 1.000 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Wehrmauern Zitadelle Besancon

Wir gehen weiter in eine Art Kapelle, wo ein 15 minütiges Multimedia-Spektakel über die Geschichte der Zitadelle berichtet. Wir sitzen in der Mitte des Raumes, während an allen Wänden um uns herum Pferde die Zugbrücken entlang traben und Eroberungskämpfe stattfinden. Auch Ludwig der 14. kommt irgendwann auf einem weißen Pferd herbei galoppiert und erklärt Besançon zur Hauptstadt der Franche-Comté.

Im historischen Museum erfahren wir anschließend mehr über Frankreich und Europa während des zweiten Weltkrieges. Mithilfe von Gegenständen, Fotografien, Texten und Originaldokumenten werden hier teilweise herzzerreißende Familiengeschichten geschildert.

Ort der Erinnerung Besancon Zitadelle

Nach dem leicht erdrückenden Rundgang ist uns nach etwas Heiterkeit und vor allem: Lebendigkeit. Es wäre untertrieben, wenn ich behaupten würden, dass es in der Zitadelle sogar ein Naturkundemuseum gibt; es gibt hier mehrere! Neben einem kleinen Bauernhof gibt es ein Insektarium und ein Aquarium, vor dem wir in einem großen Becken Koi-Karpfen kraueln, denn das soll Glück bringen. Im nächsten Museum tasten wir uns die ersten Meter an den Wänden entlang, denn es ist stockfinster. Unsere Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Hier im Noctarium sind die nachtaktiven Tiere zu Hause. Wir schauen kleinen putzigen Mäuschen dabei zu, wie sie von einem Ast zum nächsten huschen.

Koi Karpfen Teich Besancon Zitadelle

Das Highlight, ganz besonders für die Kinder, die die Zitadelle besuchen, ist der Zoo. Neben Affen, die auf Autoreifen herumhüpfen gibt es hier sogar Löwen und Tiger.

Besancon Zitadelle Zoo

Die Altstadt von Besançon

Nachdem wir gestern schon Altstadt-Luft geschnuppert haben, wollen wir die kleinen malerischen Gassen nun genauer unter die Lupe nehmen. Zunächst checken wir hier in ein neues Hotel ein; das Le Sauvage, ein ehemaliges Kloster. Es ist ein traumhaft ruhiger Ort mitten in der Altstadt.

Altstadt Besancon

Von hier aus gehen wir einen Hügel hinunter zur La Maison Natale de Victor Hugo. Der französische Schriftsteller, dessen Besteller Les Miserables auch als Musical weltweit Erfolge feierte, wurde in diesem Haus geboren. Nach seiner Geburt blieb er jedoch nur sechs Wochen in Besançon und kehrte nie wieder in seinen Geburtstort zurück. Auch eine Einladung im Jahre 1880, nachdem man eine Straße nach ihm benannt hatte, sagte er wegen Krankheit ab.

Altstadt Besancon

Victor Hugo war ein Popstar seinerzeit. Als sein Buch Les Miserables veröffentlicht wurde, schliefen die Menschen am Tag vor dem Verkaufsstart vor den Bücherläden, um ein Exemplar zu ergattern. Die Erstauflage von 50.000 Stück war am ersten Tag vergriffen.

Hugo war aber auch engagierter Politiker. Seine Reden waren legendär; jedoch hauptsächlich, weil sie nicht selten unter sechs Stunden lang waren. Bereits im Jahre 1851 sprach Hugo seine Version über ein vereinigtes Europa aus. Die Menschen hielten seine Idee damals für absoluten Mumpitz. Erfolgreicher war Hugo bei seinen Kämpfen für die Pressefreiheit sowie gegen Armut und die Todesstrafe.

La Maison Natale de Victor Hugo Besancon

Am gleichen Platz wie die La Maison Natale de Victor Hugo steht das Haus, in dem die Gebrüder Lumiere lebten. Wir können ihnen quasi ins Fenster sehen. Die beiden Brüder haben das Kino erfunden. Die allererste Lichtbild-Vorstellung lief in einem Theater hier in Besançon. Danach zogen die Lumieres nach Lyon, um dort die erste öffentliche Kinovorstellung zu geben.

Bei unserem anschließenden Besuch des Museum de Temps, in dem es ganz sagenhafte Uhren zu bestaunen gibt, klettern wir bis nach ganz oben in einen Turm. Von hier können wir über die Dächer sehen und uns fallen besonders die unzähligen Schornsteine auf. Besançon wurde mehrmals von verheerenden Bränden heimgesucht. Schließlich wurden die Auflagen zum Hausbau überarbeitet, so dass nur noch Häuser aus Stein gebaut werden durften. Zudem musste jeder Kamin seinen eigenen Schornstein haben.

Museum de Temps Besancon

Neben vielen Schornsteinen hat Besançon auch viele Kirchen. So viele, dass sie nach und nach umfunktioniert wurden und nun Krankenhäuser oder Bibliotheken beherbergen.

Museum de Temps Besancon

Eine Bootsfahrt auf dem Doubs

Wo immer ich kann: ich muss auf’s Boot. Das geht in Besançon auch ganz fantastisch. Wir gehen zum Bootsanleger der Vedettes de Besançon, wo uns Kapitän Azizi herzlich willkommen heißt. Er ist ein ganz ulkiger Typ, mit dem die Tour ganz sicher nicht langweilig wird.

Doubs Besancon

Als wir Ablegen müssen wir zunächst vor einem riesengroßen Schleusentor warten. Eine Frau dreht per Hand die Wände auf, während Kapitän Azizi sie aufmunternd anfeuert. Sein donnerndes Lachen hallt an den noch geschlossenen Schleusentoren wider.

Doubs Besancon

Das Highlight bei unserer Rundfahrt ist (neben dem Blick auf die Zitadelle vom Wasser aus) der Abschnitt, an dem wir unter der Zitadelle hindurch schippern. Es geht durch einen langen dunklen Tunnel. Kapitän Azizi lässt es sich nicht nehmen, schwer ins Mikrofon zu atmen und „Ich bin dein Vater“ hinterher zu hauchen. Gerade als ich mich von meinem Lachanfall beruhigt habe und ich das stille Wasser plätschern höre, ertönt plötzlich die Schiffshupe, die ohrenbetäubend laut an den Tunnelwänden widerhallt, gefolgt von Kapitän Azizis grölender Lache. Was haben wir uns erschreckt! Ich hätte fast meine Kamera ins Wasser fallen lassen. Trotzdem freue ich mich über sein schelmisches Grinsen.

Doubs Besancon

Doubs Zitadelle Besancon

Auf den Pfaden der alten Weinmeister

Kapitän Azizi hätte ich am liebsten mit auf unsere abendliche Wanderung mitgenommen. Zum Sonnenuntergang geht es in die Berge. In der Umgebung von Besançon wurde früher Wein angebaut. Doch als die ersten Züge aus dem Süden Frankreichs auch die Franche-Comté erreichten, war es plötzlich billiger, den Wein aus Südfrankreich herbei zu schaffen, als ihn selbst anzubauen.

Wanderung Besancon

Hier an den Hängen der ehemaligen Weinberge stehen noch vereinzelte Carbodes. Das sind die Steinhütten, in denen früher die Winzer übernachteten, während sie an den Weinbergen arbeiteten. Einige der Hütten sind noch Originale und andere werden als Zeugen der vergangenen Wein-Kultur wieder aufgebaut.

Carbodes Besancon

Wanderungen zu den teilweise versteckten und zugewucherten Carbodes werden zwei Mal im Monat vom Tourismusverein angeboten. Und tatsächlich: ich würde niemandem empfehlen, die Suche nach den Carbodes auf eigene Faust zu machen. Die Hänge sind oft sehr steil und steinig; ich habe es am eigenen Leib erfahren, als ich gestolpert und ein Stück weit den Hang herunter gerutscht bin.

Vielleicht haben mich auch einfach meine Kräfte nach diesem ereignisreichen Tag verlassen. Es ist kaum zu glauben, was wir heute alles in Besançon erlebt haben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass noch viel mehr Kultur und Geschichte in den vielen Hinterhöfen der Altstadt versteckt ist und ich weiß, ich werde eines Tages zurückkehren.

Besancon


Informationen

Unterkünfte

Das Hotel de Paris ist ein Boutique Hotel in der Altstadt mit einem wunderschön begrünten Innenhof, wo man beim Frühstück herrlich in der Sonne sitzen kann.
Preis: ab 75 EUR pro Nacht
Adresse: 33 rue des Granges, 25000 Besançon

Das La Sauvage ist eine faszinierende Unterkunft mit Geschichte. Die Aufteilung der Räume erinnern an das ehemalige Kloster, welches hier im Mittelalter beherbergt war. Zu dem Hotel gehört ein großer Garten, auf den man von einer traumhaft hübschen, mit verschnörkeltem Metall eingefassten, Terrasse blickt.
Preis: ab 120 EUR pro Nacht
Adresse: 6 Rue du Chapitre, 25000 Besançon

Hilfreiche Links

Webseite von Besançon
Webseite der Zitadelle mit einer Übersicht über die aktuellen Ausstellungen


Der Besuch von Besançon fand im Rahmen vom #FrenchCultureAward. Vielen Dank Atout France, dass ich ein Teil dieser Aktion sein durfte!

2017-11-04T23:39:59+00:00

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